Lohnt sich der Import eines Ioniq 5 oder Ioniq 6 aus Südkorea? Ja, aber nur in der oberen Batterieklasse und mit realistischer Rechnung. Junge Gebrauchte kosten in Korea 15 bis 20 Prozent weniger als hier; nach Fracht, Einfuhrumsatzsteuer und Homologation bleiben davon 2.000 bis 4.500 Euro Nettovorteil, dafür entfällt die europäische Garantie (Stand 05/2026).
Ein Parkdeck in Incheon, kurz nach acht Uhr morgens: Reihen von Ioniq 5 in Farben, die es in der deutschen Preisliste nie gab, daneben Ioniq 6 Long Range mit Heckantrieb, die Variante mit 614 Kilometern WLTP-Reichweite, die deutsche Händler höchstens auf Bestellung kannten. Der Exportagent tippt Preise in den Taschenrechner, und die Zahlen sind der Grund, warum dieser Artikel existiert: Sie liegen umgerechnet ein Fünftel unter dem, was dieselben Fahrzeuge auf deutschen Börsen kosten.
Warum die Preisdifferenz existiert
Hyundai verkauft Ioniq 5 und 6 auf dem Heimatmarkt in hohen Stückzahlen, entsprechend liquide ist der Gebrauchtmarkt, und Koreas E-Auto-Förderung der Jahre 2021 bis 2024 hat die Erstbesitzer subventioniert, was die Zweitmarktpreise bis heute drückt. Dazu kommt der Wechselkurs: Der schwache Won hat Euro-Käufern in den vergangenen zwei Jahren zusätzlich mehrere Prozent Vorteil beschert. In Deutschland dagegen blieb das Angebot junger gebrauchter Ioniq überschaubar, die Preise entsprechend stabil.
Der Clou am Korea-Import ist das Freihandelsabkommen: Mit Präferenznachweis entfällt der Zoll von 10 Prozent komplett, es bleiben die 19 Prozent Einfuhrumsatzsteuer. Die Mechanik dahinter erklärt unsere Analyse zum EU-Korea-Freihandelsabkommen; die Abwicklung von Auktion bis Verschiffung steht im Ratgeber Auto aus Südkorea importieren.
Die Rechnung am Beispiel: Ioniq 5 Long Range AWD, Baujahr 2023
Nehmen wir ein reales Marktszenario vom Mai 2026: Ioniq 5 Long Range Allrad, Erstzulassung 2023, 35.000 Kilometer, hohe Ausstattung. Deutsche Börsen rufen für vergleichbare Fahrzeuge 34.500 bis 36.500 Euro auf. In Korea steht dasselbe Auto für umgerechnet rund 28.500 Euro beim Exporthändler:
Position | Betrag (ca.) | Anmerkung |
|---|---|---|
Kaufpreis Korea inkl. Exportvorbereitung | 28.500 € | Stand 05/2026 |
Verschiffung RoRo Incheon → Bremerhaven | 1.100 € | inkl. Hafengebühren Korea |
Transportversicherung (1,2 %) | 340 € | dringend empfohlen |
Zoll | 0 € | Präferenznachweis EU, Korea |
Einfuhrumsatzsteuer 19 % | 5.690 € | auf Zollwert + Fracht |
Zollagent, Homologation, Einzelbegutachtung, Zulassung | 1.250 € | inkl. §21-Abnahme |
Gesamtkosten Import | 36.880 € | |
Vergleichspreis Deutschland | 35.500 € | mit EU-Garantie |
Moment, ein Minusgeschäft? In dieser Konfiguration: ja, knapp. Und genau das ist die wichtigste Lektion dieses Artikels. Für Fahrzeuge, die es in Deutschland in guter Auswahl gibt, trägt der Importaufschlag den Preisvorteil fast vollständig ab. Die Rechnung dreht sich erst bei Fahrzeugen, deren deutsche Marktpreise wegen Knappheit überhöht sind: beim Ioniq 6 Long Range RWD, bei hohen Ausstattungslinien mit Digital-Außenspiegeln und Relax-Sitzen, bei gesuchten Farben. Dort stehen deutschen Angeboten um 42.000 Euro koreanische Einkaufspreise gegenüber, die die Gesamtrechnung auf 37.000 bis 38.000 Euro bringen, dann sind es real 4.000 Euro und mehr.
Technik: identisch im Kern, verschieden im Detail
Antrieb und Ladetechnik sind weltweit gleich: E-GMP-Plattform, 800-Volt-Architektur, CCS-Anschluss, in der Spitze rund 240 kW Ladeleistung, von 10 auf 80 Prozent in etwa 18 Minuten am 350-kW-Lader. Ein koreanischer Ioniq lädt an deutschen Säulen exakt wie ein deutscher. Die Unterschiede sitzen in der Peripherie: Das Navigationssystem kennt nur Korea und lässt sich nicht auf EU-Karten umstellen, die Sprachbedienung spricht Koreanisch, und einzelne Assistenzfunktionen sind landesspezifisch konfiguriert. In der Praxis lösen Importeure das pragmatisch über CarPlay oder Android Auto; wen das stört, der sollte vom Import absehen.
Bei der Einzelbegutachtung nach §21 StVZO sind Ioniq-Modelle unauffällig: Beleuchtung und Abmessungen entsprechen weitgehend der EU-Ausführung, meist genügen die Umstellung der Scheinwerfer-Grundeinstellung und der Tachoanzeige. Wie der Behördenweg danach läuft, beschreibt unser Ratgeber Import-Fahrzeug zulassen.
Der wunde Punkt: Garantie und Batterie
Die europäische Fahrzeuggarantie von fünf Jahren und die Batteriegarantie von acht Jahren oder 160.000 Kilometern gelten für Grauimporte nicht. Hyundai-Werkstätten reparieren koreanische Fahrzeuge selbstverständlich gegen Rechnung, und in Kulanzfällen bewegt sich manchmal etwas, verlassen kann man sich darauf nicht. Beim Verbrenner wäre das ein kalkulierbares Risiko. Beim Elektroauto steht dahinter die Batterie mit einem Zeitwert von 8.000 bis 12.000 Euro.
Deshalb ist die Zustandsprüfung vor dem Kauf keine Kür, sondern Bedingung: State-of-Health-Auslese über die Diagnoseschnittstelle, idealerweise ein standardisierter Batterietest des Exporthändlers, dazu die Ladehistorie, falls verfügbar. Ein Fahrzeug mit 92 Prozent SoH und dokumentierter Historie ist ein Kauf; eines ohne Nachweis ist ein Lotterielos mit vierstelligem Einsatz. Die Prüfmethoden im Detail behandelt unser Ratgeber zur Batteriezustandsprüfung in diesem Ressort.
Der Ablauf in der Praxis: von der Suche bis zur Zulassung
Wie findet man das Fahrzeug überhaupt? Der übliche Weg führt über einen koreanischen Exportagenten, der die großen Gebrauchtwagenplattformen des Landes durchsucht, Besichtigungen übernimmt und die Exportpapiere abwickelt. Seriöse Agenten arbeiten mit fester Provision zwischen 500 und 1.000 Euro, liefern Videobesichtigungen mit Kaltstart und stellen vor der Restzahlung alle Dokumente als Kopie. Bei Elektrofahrzeugen gehört der Batteriezustandsbericht in den Auftrag an den Agenten, als Bedingung, nicht als Bitte.
Nach der Verschiffung, für einen Ioniq empfiehlt sich wegen des Fahrzeugwerts tendenziell der Container, folgt der deutsche Teil: Zollabfertigung mit Präferenznachweis, Einzelbegutachtung, Datenbestätigung, Zulassung. Rechnen Sie vom Kauf bis zum Kennzeichen mit zweieinhalb bis vier Monaten. Das ist der eigentliche Preis des Imports, über den zu wenig gesprochen wird: Wer sein Auto nächste Woche braucht, ist auf dem deutschen Markt richtig. Wer planen kann, wird für die Geduld bezahlt.
Zur Wintertauglichkeit noch eine Zahl, die in Prospekten fehlt: Die 800-Volt-Plattform lädt auch bei Kälte ordentlich, sofern die Batterie vorkonditioniert ist, koreanische Modelle bringen die Vorkonditionierung je nach Baujahr aber nur mit aktivierter Navigationsführung zur Ladesäule, und die funktioniert ohne EU-Karten nicht. Die Community behilft sich mit manuellen Auslösungen über versteckte Menüs; das funktioniert, ist aber eine Fummelei, die man vor dem Kauf kennen sollte. Im Sommer ist der Unterschied bedeutungslos, im Januar auf der A7 nicht.
Fazit: ein Import für Kenner der eigenen Konfiguration
Und die Versicherung? Deutsche Versicherer stufen Grauimporte in die Typklasse des EU-Schwestermodells ein, sobald die Zulassung durch ist, Mehrkosten entstehen hier normalerweise nicht. Zwei Punkte verdienen trotzdem einen Anruf vor dem Kauf: Erstens sollte der Versicherer die Ersatzteilversorgung über das Hyundai-Netz als gegeben akzeptieren, was bei den technisch identischen Ioniq-Modellen unproblematisch ist. Zweitens gehört der Neuwert- beziehungsweise Kaufwertnachweis in die Police, bei einem Importfahrzeug ist der belegte Einstandspreis inklusive Abgaben die saubere Grundlage, falls es je zum Totalschaden kommt. Zehn Minuten Telefonat, die im Schadenfall vierstellige Diskussionen ersparen.
Der Ioniq-Import ist kein pauschales Schnäppchen, sondern ein gezieltes Werkzeug. Wer irgendeinen Ioniq 5 sucht, kauft in Deutschland, mit Garantie, EU-Navi und ohne Wartezeit vermutlich sogar günstiger. Wer dagegen eine konkrete, hier seltene Konfiguration will und die Batterieprüfung ernst nimmt, holt aus Korea 3.000 bis 5.000 Euro Vorteil oder ein Fahrzeug, das der deutsche Markt schlicht nicht hergibt. Rechnen Sie mit spitzem Bleistift, kalkulieren Sie die Garantie als geldwerten Verlust ein, und wenn die Rechnung dann noch aufgeht, ist der Weg über Incheon erprobter, als sein Exotenruf vermuten lässt.
Unsere Empfehlung zum Einstieg: Beobachten Sie vier Wochen lang parallel die deutschen Börsen und die Angebotslisten zweier koreanischer Exportagenten für Ihre Wunschkonfiguration, jeweils mit vollständiger Kostenrechnung daneben. Nach diesen vier Wochen wissen Sie zweierlei, ob der Abstand für Ihr Fahrzeug real ist und wie liquide beide Märkte sind. Erst dann fällt die Kaufentscheidung. Der Import belohnt Vorbereitung; er bestraft nur die Eile. Und falls die Rechnung gegen den Import ausfällt: Auch das ist ein Ergebnis, das vier Wochen Beobachtung wert war.


