Die Kernthese: Seefrachtraten sind die launischste Größe der Importkalkulation, und zugleich die am meisten überschätzte. Zwischen ihrem Tiefst- und Höchststand liegen historisch Faktoren von drei bis fünf; am Endpreis eines importierten Pkw ändern selbst kräftige Ratenbewegungen meist nur wenige Prozent.
Die Größenordnung, nüchtern betrachtet
Rechnen wir das einmal durch. Ein Fahrzeug für 20.000 Euro reist im Sammelcontainer von Fernost nach Nordeuropa; der Frachtanteil liegt in normalen Marktphasen bei 1.300 bis 1.700 Euro. Steigen die Raten um kräftige 30 Prozent, verteuert sich der Transport um rund 450 Euro, gut zwei Prozent des Projektwerts. Zum Vergleich: Dieselbe Wirkung hat eine Wechselkursbewegung von zwei Prozent oder ein einziges übersehenes Ausstattungsdetail bei der Fahrzeugauswahl. Wer wegen der Frachtraten einen Import verschiebt, optimiert an der drittwichtigsten Stelle.
Ein Detail verdient trotzdem Aufmerksamkeit: Die Fracht wirkt doppelt. Als Teil des Zollwerts erhöht sie die Bemessungsgrundlage für Zoll und Einfuhrumsatzsteuer, aus 450 Euro Mehrfracht werden beim Japan-Import mit Zoll und Steuer rund 590 Euro Mehrkosten. Die Systematik dahinter erklärt unser Ratgeber zur Einfuhrumsatzsteuer.
Wo die echten Unterschiede entstehen
Die Kostenspreizung zwischen zwei Importen gleicher Strecke entsteht selten bei der Rate, sondern bei den Positionen drumherum: Standgeld im Zielhafen ab dem fünften bis siebten Tag, Terminal- und Dokumentationsgebühren, Zuschläge für nicht fahrbereite Fahrzeuge, und bei der Grundsatzentscheidung zwischen RoRo und Container, die je nach Fahrzeugwert unterschiedlich ausfällt. Den Vergleich der beiden Verschiffungswege haben wir im Ratgeber RoRo oder Container durchgerechnet.
Ein zweiter Blick lohnt auf die Frequenz statt auf den Preis: RoRo-Liniendienste bedienen die Fernost-Route ein- bis zweimal monatlich, Containerlinien wöchentlich. Wer einen Verschiffungstermin verpasst, verliert je nach Route zwei bis vier Wochen, und bezahlt derweil Stellplatz beim Exporteur. Diese Wartekosten tauchen in keiner Ratenübersicht auf, entscheiden aber real über den Projektzeitplan.
Als Merksatz für die Kalkulation: Frachtraten beobachten, aber nicht anbeten. Wer die Buchung vier Wochen flexibel halten kann, nimmt günstige Phasen mit; wer ein konkretes Fahrzeug gefunden hat, lässt es wegen ein paar hundert Euro Frachtdifferenz nicht ziehen. Gute Fahrzeuge sind auf den Beschaffungsmärkten knapper als Schiffsplätze.


